Der letzte Freitag im Mai - Wie es zur Brennball Weltmeisterschaft kam

Der letzte Freitag im Mai - Wie es zur Bennball Weltmeisterschaft kam

Der letzte Freitag im Mai ist in Umeå ein besonderes Datum.

Fast 40 Jahre lang fand im Stadtteil Ålidhem alljährlich ein großes Fest statt. Das Epizentrum war der berüchtigte Fysikgränd, mitten im Studentenghetto der Stadt.
 
Das Fest hat die Adresse bis weit über die Grenzen der Stadt hinaus bekannt gemacht. Schon vor der Brennball Weltmeisterschaft.
Straßenschild: In Richtung Ålidhem
Straßenschild: Fysikgränd 33

Umeå, 1974: DJ´s im Müllhäuschen und brennende Möbel

Erstmals 1974 verkauften einige Freunde 225 Tickets für eine Semesterabschlussparty.

Es kamen 1500 Leute und hatten so viel Freude an der Sache, dass sie auch im nächsten Jahr wiederkamen.
 
Eintrittskarten gab es keine mehr.
Das Ganze hatte schnell eine eigene Dynamik entwickelt und zu bekanntem Tag kamen Menschen von nah und fern und bevölkerten für ein Wochenende die Straßen der Studentensiedlung.
Diese Feiern waren selbstgemacht. Fahrradschuppen und Müllhäuschen wurden ausgeräumt und dienten als Bühne für DJ’s und Bands. Von Dächern, Balkons und Fenstern wurde das Viertel großzügig beschallt.
 
Es wurde gegrillt, getanzt und gefeiert. Überschüssiges Mobiliar kam auf den Hof und half, den Anfang der warmen und hellen Jahreszeit im Freien zu genießen.
Zum Brauch gehörte allerdings auch, die alten Möbel im Laufe des Abends zu verbrennen.
Das störte die Anwohner wenig. Doch Polizei und Wohnungsgenossenschaft sahen die Sache kritischer.
Brännballsyran Umeå
Der Tag nach Brännballsyran

Umeå, 1979: Brennball statt Brennmöbel?

Um den Druck der alljährlich ungefragt wiederkehrenden Massen ein wenig umzulenken und dem folglichen Inferno vorzubeugen, arrangierte man 1979 ein Brennballturnier.

 

Ein voller Erfolg! Inzwischen ist Umeå Schauplatz der offiziellen Brennball Weltmeisterschaft.

Der ursprüngliche Plan, mit dem sportlichen Ereignis von den Fysikgrändfeierlichkeiten abzulenken, schlug jedoch fehl:

 

Die beiden Veranstaltungen verhalfen einander nur zu noch größerer Beliebtheit.

Im Studentenviertel Ålidhem in Umeå
Ålidhem am Tag nach der Brennball Weltmeisterschaft

Brännbollsyran damals

 

Brännbollsyran” heißt das Spektakel. Dabei ist Brennball das Spiel und Yran bedeuted in etwa Gewimmel, Tumult oder auch Rausch.

 

Bis zur Jahrtausenwende wurde das Phänomen eher machtlos als duldend ertragen. Ein Versuch das Gelände weiträumig einzuzäunen und den Zutritt zu kontrollieren war wenig erfolgreich.

In den folgenden Jahren verständigten sich Universität und Ordnungskräfte auf Zusammenarbeit. Die wichtigsten Klausuren des Semesters wurden auf die Woche nach der ”Yran” verlegt und konstant über Ålidhem kreisende Hubschrauber, sowie ein reiches Aufgebot der Polizei, verliehen dem Fysikgränd das Flair eines Truppenübungsplatzes.

 

Das wirkte.

Brännbollsyran heute

Seit einigen Jahren ist nun Brännbollsyran eines der größeren, organisierten Festivals in Schweden und findet auf dem Campus in Umeå statt. Die Karten kosten 1000-2000 Kronen und (hauptsächlich einheimische) Acts aus Rock-Pop-Electro locken jedes Jahr weit über 10.000 Besucher. Die Hotels der Stadt sind restlos ausgebucht und lokale Couchsurfer werden mit Anfragen überhäuft.

Die Brennballwettkämpfe finden auf dem gleichen Gelände statt und einige sehr ambitionierte Mannschaften ringen um attraktive Preisgelder. Der größte Teil, der in manchen Jahren bis zu 1000  angemeldeten Teams, spielt in Verkleidung, unter verschiedenen Mottos und mit etwas weniger sportlichem Eifer.

 

Mitmachen darf jeder. Es gibt keine Vorauswahl oder Qualifikationshürden.

Im Studentenviertel Ålidhem in Umeå

Der letzte Freitag im Mai...

Das Datum gibt es noch und das Volksfest auch.

 

Aber der Geist ist ein anderer und tatsächlich beklagt das so mancher Einwohner der Stadt. Ein ganzseitiger Artikel im lokalen Tageblatt gibt sich als nostalgischen Nachruf auf diesen Teil der Geschichte Umeås zu verstehen. In Umeå war man lange sehr stolz auf die hiesige Graswurzel- und DIY-Kultur, auf Initiativen, die ohne behördlichen Rahmen oder finanzielle Interessen, Projekte ins Leben riefen, die dann doch sehr viel Aufmerksamkeit erlangten.
Das beeindruckt im Nachhinein sogar diejenigen, die damals nichts von brennenden Sofas oder lauter Musik hielten.
Collage zu Umeås Brännballsyran

Text und Fotos: Arne Gerken

Zum Weiterlesen:

Danke fürs Lesen!

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