Die Hexen von Vardø

Die Hexen von Vardø

Vardø war die erste Stadt Nordnorwegens die den Stadtstatus erhielt. Das war 1789. Aber den Ort gibt es schon viel länger. Die erste Kirche wurde circa 1300 geweiht. Heute gibt es in Vardø hauptsächlich Tourismus, Fischerei und Streetart. Aber es war nicht immer so bunt. Vardøs Geschichte ist holprig. Es gab eine düstere Etappe in der Geschichte der Stadt: Fast 100 Menschen wurden zum Tode verurteilt. Sie sollen Hexen gewesen sein. Angeklagt wurden sie von ihren Nachbarn. Oder der eigenen Familie.

Das Steilneset Memorial

Vardø gilt als „Summerless town“. Das Klima ist arktisch. Es scheint ein ständiger kalter Wind zu wehen. Egal in welcher Jahreszeit. Am Steilnes, dem südwestlichen Ufer der Insel, hinter einer kleinen Kirche und einem alten Friedhof, direkt an der Küste der rauen Barentssee, ist ebenfalls Gänsehautzone.

 

Nicht nur des Klimas wegen.

 

Hier wurde den Opfern der Hexenverfolgung ein Mahnmal gebaut.

Mahnmal und Gedenkstätte

Über 130 Menschen wurden im 17. Jahrhundert in Vardø der Hexerei bezichtigt.

 

Von ihnen wurden 77 Frauen und 14 Männer verurteilt und daraufhin dem Scheiterhaufen übergeben.

Die nördliche Finnmark, der Bereich um Vardø herum, war die Hochburg der Anklagen. Nirgends in ganz Norwegen, war die Rate der Bezichtigungen und Anklagen so hoch. Ebenso die Rate der Verurteilungen.

 

Die Verhandlungen erreichten in den Jahren 1662 und 1663 ihren Höhepunkt. Vor allem unter den Angeklagten Frauen entstand ein Denunziations-Hype. (Ähnlich der The Crucible Geschichte Arthur Millers.)

 

348 Jahre später wurde in Erinnerung an diese Zeit und zum Gedenken ihrer Opfer die Steilneset Gedenkstätte gebaut.

 

Friedhof Vardøs mit Steilneset im Hintergrund.
Friedhof Vardøs mit Steilneset im Hintergrund.

Ein Strich und ein Punkt

Die Gedenkstätte Steilneset wurde von Louise Bourgeois und Peter Zumthor entworfen. Sie besteht aus zwei separaten Gebäuden, einem länglichen, strichförmigen und einem kleinen, quadratischen. Gedenkhalle und Pavillon.

 

Im Juni 2011 wurde die Anlage in der Anwesenheit von Königin Sonja von Norwegen, eröffnet.

 

Das Steilneset Memorial in Vardø.
Das Steilneset Memorial in Vardø.

Die Gedenkhalle Zumthor´s

Der schweizer Architekt Peter Zumthor entwarf die 125m lange Gedenkhalle.

 

Die Holzkonstruktion erinnernt an ein Fischtrockengestell. An Stahlseilen ist ein kokonähnlicher, 1,50m breiter, Gang darin aufgehängt.

 

Im Gang leuchten in 91 unregelmäßig angeordneten Fenstern 91 Glühbirnen. Trotz ihnen sind Gang und Stimmung düster.

 

Die Lampen der Installation Zumthors sind nicht dazu da, um für Helligkeit zu sorgen. Sie repräsentieren die 91 Todesopfer.

 

Zwischen den Fenstern sind Informationstafeln angebracht. Sie nennen die Namen der der Hexerei Bezichtigten und listen die Anklagepunkte auf.

 

Die Gedenkhalle. Innen. Steilneset Memorial Vardø.
Die Gedenkhalle. Innen.
Die Gedenkhalle. Aussen. Steilneset.
Die Gedenkhalle. Aussen.

Der Pavillon Bourgeois´

Dem hölzernen Gang Zumthor´s vorgelagert, befindet sich das letzte große Werk der französisch-amerikanischen Künstlerin Louise Bourgeois´. Es trägt den Namen “The Damned, The Possessed and The Beloved”.

 

In einem quadratischen Raum mit Rauchglaswänden steht, in der Mitte eines Betonkegels, ein brennender Stuhl aus Metall.

 

Sieben ovale Spiegel reflektieren die Flammen. Sie sind kreisförmig angeordnet, wie Richter, die einen Kreis um Verurteilte bilden.

 

Der Raum besteht aus tanzenden Flammen.

 

Der brennende Stuhl. Steilneset.
Der brennende Stuhl.

Siri, Baarne, Gjertrud...

Sie hießen Lisbet, Kari, Elsebe. Morton, Peder und Mons. Und sie haben eines gemeinsam: Sie wurden in Vardø zum Tode verurteilt. Für sie, und all die anderen, gibt es den düsteren Gang und den brennenden Stuhl.

 

Die Historikerin Liv Helene Willumsen forscht seit Jahrzehnten zum Thema Hexenverfolgung in der Finnmark. Sie erstellte mit Hilfe alter, originaler Gerichtsunterlagen, die Informationstafeln, die neben den Fenstern des Gedenkganges hängen.

 

Auf ihnen steht:

 

Der Name der Angeklagten.

Wann und wo sie vor Gericht traten.

Wer sie beschuldigte.

Welche Anschuldigungen gegen sie vorlagen.

 

Und das Urteil. Der Tod auf dem Scheiterhaufen.

 

 

Sie erzählen die letzte Geschichte der Menschen, die auf ihnen genannt sind.

 

Siri, Tochter Knud´s.
Siri, Tochter Knud´s.

Text und Fotos: Rike Jütte

Ich habe Vardø im Zuge unseres Segeltrips 2015 besucht.

Hier findest du weitere Berichte:

Danke fürs Lesen!

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