Ein Tag auf See

Ein Tag auf See.

Wir segeln von Norwegen nach Russland. Können manchmal in der Ferne Festland erkennen, manchmal nicht. Die meiste Zeit segeln wir, aber manchmal läuft unterstützend der Motor mit. Hier die Beschreibung eines Segeltages auf der Barentssee.

Wache schieben...

Das Aufstehen gegen 02.20 Uhr heut Nacht fiel mir schwer.

 

Ich wollte einfach liegen bleiben. Und mindestens 20 weitere Stunden schlafen.

 

Aber das geht natürlich nicht.

 

Ich bin auf der Segelyacht Pouncer mitten in der Barentssee. Wir sind auf dem Weg von Vardø nach Archangelsk. Und wir haben ein Wachwechsel-System: Auf einige Stunden Schlaf (circa drei) folgen einige Stunden Wache (irgendetwas zwischen vier und acht). Und danach geht das Ganze von vorne los. Und immer so weiter.

 

Heute ist weder der erste Tag unserer Segelreise, noch der letzte. Wir wollen (und müssen) weiter. Bis wir in der russischen Stadt Archangelsk ankommen.

Kleider- und Wachwechsel

Warm und winddicht eingepackt...
Warm und winddicht eingepackt...

 

Die Wachwechsel dauern selten unter einer Stunde. Infos werden ausgetauscht, Logbucheinträge gemacht, Tee und Essen gekocht. Es wird "gesocialized". Das ist vor allem wichtig, wenn, wie bei uns, eins der Wachteams aus nur einer Person besteht. (Wie segeln zu dritt.)

 

Und dann ist da noch das An- und Ausziehen. Ich brauche dazu ungefähr 15 Minuten. Abhängig davon, wie Pouncer in den Wellen liegt.

 

2-3 Paar Socken, 2-3 Paar Hosen, ein T-Shirt, 2 langarm Shirts, 2 Fleecepullover. Darüber  das gelbe Ölzeug.

 

Wenn all diese Schichten angelegt sind, fühlt man sich wie das Michelin-Männchen. Bewegungen sind deutlich eingeschränkt. Es ist schwer sich herunterzubeugen, um in die  Stiefel zu kommen. Trotz all dieser Dinge ist man immer noch nicht deckfertig bekleidet.

 

Hinzu kommen Mützen und Handschuhe. Und natürlich die Rettungsweste. Besonders trendy fühlt sich das nicht an.

Ein häuslicher Frühmorgen...

Charlotte repariert ihren Wollpulli.
Charlotte repariert ihren Wollpulli.

 

Trotz des schwierigen Aufstehens ist heute ein guter Tag. Nach den ersten kalten Stunden, wird nicht nur die Sonne, sondern auch Skipper Charlotte gegen 6.00 Uhr mit einem Lächeln und guter Laune wach.

 

Die Windsteueranlage hält uns auf Kurs, wir haben die Hände frei. Uns alle überkommt ein „häusliches Gefühl“ und wir machen uns ans Werk:

 

Das Bad wird geputzt, die Kajüte gefegt, die Fußmatten ausgeschüttelt und der Cockpitboden gereinigt. Wir füllen auch noch Wasser aus den großen Kanistern in die kleineren, handlicheren, sowie Diesel, um.

 

Nach getaner Arbeit genießen wir ein ausgiebiges Frühstück. Es gibt warme Vollkornbaguettes mit Käse und Erdnussbutter.

 

Nach einer Lage- und Planbesprechung kommen Arne und ich gegen 10.00 Uhr wieder in unsere Schlafsäcke. Der Motor läuft um die Batterien aufzuladen und so gönnen wir Pouncer einige Stunden Heizungswärme.

Warme (!) "Dusche" und ein Schiffskoch...

Ich koche uns ein Mittagessen auf Pouncer´s schwingendem Schiffsherd.
Ich koche uns ein Mittagessen auf Pouncer´s schwingendem Schiffsherd.

Gegen 13.00 Uhr werden wir durch die Wärme im Boot aus unseren Schlafsäcken gekocht.

 

Charlotte kocht Wasser, während wir uns räkeln. Ausnahmsweise einmal nicht für Tee (der Aufsteh-Tee ist ein gemeinsames Wachwechsel-Ritual). Sondern fürs Waschen. Die See ist ruhig und das Boot durch das Heizen der letzten Stunden warm. Das nutzen wir für ausgiebiges Warmwasser-Waschen aus und verschwinden nacheinander im kleinen Bord-Bad.


Nach der "Dusche" ändern Arne und Charlotte gemeinsam die Einstellungen der Segel, während ich uns ein Mittagessen zubereitete. Ich bin für heute der Schiffskoch. Für vieles andere bin ich ohnehin relativ nutzlos. Im Moment überlaß ich die Arbeit an Deck lieber noch den anderen.

Sehen, Schreiben, Wale...

Ein Wal in der Barentssee.
Ein Wal in der Barentssee.

Wir sehen nur selten andere Schiffe. Auf der Höhe von Murmansk haben wir zuletzt einige riesige Frachter passiert. Danach war es ruhig. Heute ist es anders. Zu unserem Erstaunen sehen wir in der Ferne vier andere Segelboote. Eins davon ein stattlicher Viermaster. Sie alle halten sich im Bereich der Schifffahrtsstraße, nahe der Küste. Wir haben uns für einen Kurs außerhalb dieser entschieden.

 

Nach Essen und Tee sehe ich zum ersten Mal im Leben Wale. Oder Wal. Ich bin mir nicht sicher, ob es zwei sind oder doch nur einer. Arne zückt blitzschnell die Kamera und bekommt einen dunklen Wal-Rücken aufs Bild.

 

Ich komme zum ersten Mal zum Schreiben. Eintrag im Notizbuch:

Pouncer surft*, der Mast singt seine traurigen Lieder im Wind.

Ich glaube es ist der 3. Juli. Zum ersten Mal seit dem Ablegen in Vardø komme ich zum Schreiben. Überhaupt ist es der erste Tag an dem ich das Gefühl habe, etwas anderes als Essen, Schlafen und Ausschauhalten getan zu haben.

Nachmittags blicke ich über den Rand meines Notizbuchs aufs Wasser. Da bewegt sich was steuerbord! Wir sehen Wale. Schwarz, oder zumindest sehr dunkel.

* Mein fachkundiger Editor sagt: Das geht so nicht! Technisch ist das ein falscher Begriff. Schreib: Hoch am Wind! Gut. Wir segelten hoch am Wind, der Mast sang seine traurigen Lieder im Wind...

 

Als der Wind schwächer wird, stellen wir den Motor an, lassen ihn unterstützend laufen, um unsere 4 Durchschnittsknoten zu halten. Das ist angenehm, da Pouncer unter laufendem Motor relativ ruhig im Wasser liegt. Und die Motorgeräusche sind gemütlich, wenn man sich erst einmal daran gewöhnt hat. Die starken Wellen der letzten Tage haben nachgelassen. Kein Wind, keine Wellen. Wir genießen die Ruhe bis zum nächsten Wachwechsel.

Abendbrot und Gedichte...

Myumm. Ananas. Die hat sich gut gehalten und macht uns große Freude!
Myumm. Ananas. Die hat sich gut gehalten und macht uns große Freude!

 

Gegen halb Neun gehts wieder aus den Kojen. Die Kartoffeln fürs Abendessen sind bereits aufgesetzt. Ich brate Steak für Charlotte und Arne und Paprika für mich. Dazu gibts eine Currysauce. Ein Festmahl.

 

Zwei Fischerboote sind in der Nähe, eines kreuzt weit entfernt unseren Kurs. Das andere treibt sich nördlich von uns herum, ohne viel Bewegung. In Wirklichkeit sehen wir die zwei gar nicht. Haben die Informationen nur vom AIS. Vor Auge und Fernglas verstecken sie sich.

 

Nach dem Essen verspeisen wir gemeinsam eine Ananas und lesen uns gegenseitig Gedichte vor. Eigentlich war das für jeden Tag geplant: Gemeinsam Zeit verbringen, in der der Fokus auf etwas anderem als auf dem Segeln liegt. Wir kommen erst heute dazu. Und es macht Spaß.


Der Himmel ist fast wolkenlos. Charlotte hat während ihrer Wache nichts besonderes gesichtet. So hatte sie Zeit Pläne und Berechnungen für den baldigen Eintritt ins Weiße Meer zu machen. Nach dem Info-Tausch schlüpft sie in Koje und Schlafsack und überlässt uns das Cockpit für den Abend.

Mitternachtssonne und Julischnee...

Barentssee. Mitternachtssonne. 68°9´N 40°21´E
Barentssee. Mitternachtssonne. 68°9´N 40°21´E
Barentssee. Mitternachtsvollmond. 68°9´N 40°21´E
Barentssee. Mitternachtsvollmond. 68°9´N 40°21´E

Wir haben eine ruhige Wache mit wunderschönem Ausblick.

 

Während die Sonne auf der einen Seite das Meer hellblau tüncht, gibt ihm der Vollmond auf der anderen einen silbrigen Glanz. Mitternachtssonne und Mitternachtsvollmond. Ich bin beeindruckt, genieße das Bild.

 

Um kurz nach halb Eins zeigen sich uns erneut Wale. Diesmal backbord.

 

Das Festland erscheint jetzt näher. Braune Klippen heben sich aus dem Wasser und an einigen von ihnen können wir Schnee ausmachen.

 

Die Wassertemperatur liegt bei 8°C. Uns ist kalt und wir halten das Thermometer in die Luft. 7,2°C. Durch den schneidenden Wind wirkt das kälter. Dies wird eventuell unsere kälteste Wache.

 

Als mir zu kalt zum weiterschreiben wird, widme ich mich einer Tüte Walnüsse.

Text: Rike Jütte

Fotos: Arne Gerken und Rike Jütte

Danke fürs Lesen!

Zurück zum Blog? Hier...

Seite teilen?